Offensichtlich lese ich gerade die WIWO für den 1.März. Dort steht ein sehr guter Hinweis von Mark Böschen auf Seite 106 bezüglich des geplanten Börsengang von Kabel Deutschland.
Der Hinweis ist Ernst zu nehmen. Kabel Deutschland pikt tatsächlich. Selbst für diese Investoren-der-Heuschrecke sind solche PIK-Mezz ziemlich weit unten auf der Begehrlichkeitsskala angesiedelt, also bei den ärgerlichen Dingen, die man nicht haben muss. Hier ist Ärgerlich, wie pikende Mezz wie die Kabel Deutschland, der kleine Bruder von Scheiße (z.B. der Totalausfall zu 0 eines besicherten Kredit). So welche pikenen Mezz bieten so ein bisschen den Hauch von Thrill im so langweiligen Fixed Income Geschäft. Aber zu viel Thrill braucht man auch nicht – Insbesondere wenn man merkt, dass da nix übrig bleibt …
Also: NICHT ZEICHNEN.
WIEDERHOLE: NICHT ZEICHNEN!!!
Daher möchte ich dem Statement
… Es entsteht der Eindruck: Providence spielt Pik, um Aktienkäufer aufs Kreuz zu legen…
von Herrn Böschen hinzufügen
… Es entsteht der Eindruck, dass Providence auch seine eigenen Investoren (aka “Hedge Funds”) aufs Kreuz legen will …
Ich kann nur jeden Insti, Aktienfonds, oder Kleinanleger nur dringend davon abraten Kabel Deutschland Aktien zu zeichnen, solange Providence die Emissionserlöse nicht mindestens zur Tilgung der PIK-Mezz verwendet.
Die besagten PIK Notes betreffen die Holding-Struktur von Kabel Deutschland mit dem gleichen Namen, die nur ein Finanzierungsvehikel ist (wie hier auf Seite 98 zu entnehmen ist). Wenn man das mit der Bilanz der GmbH (31.12.2009) vergleicht fällt einem sofort die Differenz bei Non-Current Financial Liabilities (langfristige Schulden, hier die nachrangigen) und den Accumulated Deficit (Bilanzverlust) auf. Das müssten dann die PIK-Notes zum 31-12.2009 sein, was ca. 696 Mio sind (mit groben Blick auf den EURIBOR seit 2006 mit .04 .03 .02 .01 plus 700bp kommt man auf 689Mio; Also passt). Unterstellt man Niedrigzins-Szenario mit .01 .02 .02 .02 .02*(1/2) kommt auf 1.05 Mrd fällig in 2014.
Angenommen die Holding verkauft die GmbH via IPO, dann ist klar dass die PIK-Notes bei Providence kleben bleibt. Jedoch stehen dann immer noch
0.50 Mrd kurzfristige Verbindlichkeiten,
0.65 Bonds
1.15 Term Loan A
0.53 Term Loan C
0.34 Plus ein bisschen hier und da
____
3.17 Mrd Schulden
gerade mal 2.19 Assets gegenüber. Das nenne ich mal undercollaterized. Da kurzfristige Verbindlichkeiten immer zuerst eingefordert werden ziehen wir die 0.5 Mrd mal ab, ebenso wie sonstige Rechnungen zur Finanzierung über 0.34 Mrd, so bleiben noch 1.35 Mrd als Collateral. Das macht dann ein OC von 207% für die Bonds, bereits unter Wasser mit 75% für Term Loan A, und erschreckenden 58% für Term Loan C.
Aber Providence scheint aber mit der Holding-GmbH einer IPO zu machen. Den Fall dass die Holding-GmbH inklusive den PIK-Notes mit einem best-case Erwartungswert von 1 Mrd einen IPO machen soll, will ich garnicht ausrechnen.
Und dann will Providence kein Groschen nach dem IPO in Kabel Deutschland lassen, oder einen Kredit A und/oder C, oder die PIKs tilgen? Ich weiß nicht wie sich Providence zurecht rechnen will. Da braucht Kabel Deutschland wohl ein Fantasiewachstum bei den Assets (Darum braucht Providence wohl auch die Fantasiewelt “Börse”). Mir kommt das vor wie Beschiss. Erst werden Gerüchte verbreitet, dass “irgendwer” bereit sei 5,5 Mrd locker zu machen, dann watscht Providence ab mit der Begründung beim IPO würde man mehr bekommen, und schließlich sollen 1 Mrd für 40% Anteile eingenommen werden? An dieser PR-Masche ist auf jedenfall etwas faul.
So jetzt mal ganz billig nachrechnen. Kabel macht 630 Mio Gewinn unterm großen Strich, aber die PIKs fehlen. Gehen wir wie oben von einem Niedrigzins-EURIBOR-Szenario aus fehlen für 2010 bis 2014 jeweils ca. 100 Mio an Zinsaufwendungen in der GuV, macht also 530 Mio adjustierten Gewinn. Aber Durschnittbilden ist eher ungeeignet mit den thesauriserenden PIKs, es sieht dann so aus:
Jahr: Mio GuV
2010: 574.31
2011: 506.65
2012: 432.90
2013: 352.52
2014: 187.01
Nun will Providence angeblich mindestens 5,5 Mrd für Kabel haben, was im doofsimplen Annuitätmodell mit 530 Mio Durchschnittsgewinn eine Mindestrendite von 9,6% führt. Nicht adjustiert wären es 11,4%, was bereits lächerlich ist, wenn bereits die Bonds bereits über 10% Kupon (tatsächlich) auszahlen. Mit den PIKs sieht es aber so aus:
Jahr: Rendite für die neuen Aktien
2010: 10,44 %
2011: 9,21 %
2012: 7,87 %
2013: 6,41 %
2014: 3,40 %
Hmm, da ein Aktionär wesentlich mehr Risiko eingeht als Gläubiger veranschlage ich mal 20% auf die Aktien, was dann mit den grandiosen langfristigen Aussichten im Jahr 2014, dann einen Kaufpreis von 935 Mio plus 1.5 Mrd für die diskontierten Gewinne bis 2013 macht. Da es nur um 40% der Anteil geht, wäre ein fairer Emissionserlös rund 996 Mio. Ja, eigentlich soviel wie anscheinend Providence auch haben will (Wenn man dieses Meine-Erste-Unterrichtsstunde-In-Dreisatzrechnen als Maßstab für Unternehmensbewertung nimmt). Der Nachteil ist, dass hier angenommen wird, dass Kabel Deutschland ohne Probleme die PIKs in 2014 refinanzieren kann. Eine Mrd ist ziemlich viel. Und wenn dann mal wieder eine Rezession anstehen sollte, nun ja…
KURSZIEL: sehr niedrig
Der Aktionär in spe bekommt gleich zwei exotische Wetten hinzu:
- Die Inflationswette: Sollten die Blanchard-Inflationsziele erreicht werden, dann ist das Kursziel natürlich deutlich höher. Ein Blanchard-Gewinnt-Wette gefällig? (Meine Einschätzung: 50-50; Wenn die Blanchard-Wette nicht gewinnt, dann sind mehr als 1 Mrd zu refinanzieren)
- Die Nicht-Rezessions-2014-Wette: Wenn in 2014 die Sonne schön grell scheint auf den Konjunkturzyklus, dann ist eine günstige Refinanzierung der PIKs, z.B. mit echt Kupon-zahlenden Krediten, kein Problem. (Meine Einschätzung: Unwahrscheinlich; Siehe: Noch 1000 Tage…)
Wenn ich diese Risiken mit einpreisen würde, dann würde ich das jetzt alles totrechnen. Ist aber auch egal, weil ich den Dreck nicht kaufen werde. Zumindestens nicht mit dieser Kapitalstruktur, also den PIKs – Vorher braucht man sich garnicht angucken was Kabel Deutschland ist bzw. wie toll oder nicht-toll deren Assets sind. Es würde mich nicht wundern, wenn die PIK-Notes zum Teil bei Providence liegen, und Providence eben versucht die billig einzusammeln: Viel Marktwert dürften die eben nicht haben. Denn sollte die Emission der neuen First-Loss-Pieces (also den zu den PIKs subordinated Aktien) gelingen, werden die PIK-Notes eine (zweite) Kursrally hinlegen (…im OTC Markt…)
15. März 2010 at 20:45
Ein paar Updates
Hier ist das Prospekt
http://w3.cantos.com/10/bav-902-i9f4ts-de/documents/KD_IPO_Prospectus_Supplement.pdf
- Die “Cable Holding S.A.” (=Providence) hält 90 mio Shares und will 30 mio (plus vielleicht 4.5mio) für 21,5 bis 25,5 Euros/Stk verkaufen (ca. 650 bis 750 mio Euros).
- Ja es wird anscheinend die alte “Kabel Deutschland Holding GmbH” zur “Kabel Deutschland Holding AG” gemacht ==> Die PIK-Notes sind dort drin, also der ganze Thrill den man sich schon immer gewünscht hat.
- Kurzer Check:
==> 2435 Mio € / 90 mio Stk = 27 €/Stk
Mid 20 ist nicht unbedingt das Super-Schnäppchen. Low 20 ist noch immer Thrill pur!
Ich habe im Artikel erwähnt, dass ich mir die Assets von Kabel nicht angeschaut habe (Die Kapitalstruktur stellt lediglich eine mutige Wachstumsprämisse an den Assets).
Eine Art Mini-Branchenanalyse mit Fokus auf die technologische Rahmenbedingungen gibt es im Blicklog.
http://www.blicklog.com/2010/03/13/der-iflat-oder-warum-digitales-kabel-tv-und-der-pay-tv-sender-sky-auslaufmodelle-sind/
Das Angebot von Kabel Deutschland positioniert sich in dieser Richtung. Der Vorteil von Kabel ist, dass die Leitung bereits am Endgerät ist. Angenommen “Internet TV” (plus “im Wohnzimmer”) wird der Knüller und Kabel macht in diesem Segment das Absatzwachstum, dann kannibalisiert Kabel sein altes Segment (der simple Kabelanschluss. Mehr als einen Anschluss für was auch immer wird keiner bezahlen). Am Ende bleibt nur die Frage: Kann Kabel diejenige Preispolitik durchsetzen, um auch das (bereits heute festgelegte) Gewinnwachstum hinzulegen?
Zwischenfazit:
- Varianz: Das Upside-Potential liegt schon irgendwo über High 20 (wenn die Sonne richtig grell scheint). Aber das ganze Kabel-Ding ist ziemlich gehebelt, sodass man in 2014 auch mit 1,00 Market Value dastehen kann.
- Leverage: Eigentlich dürfte für jeden der mit CFDs & Co zockt, eine Kabel ein super Vehikel sein.
- Risikoklasse: Die Assets würden mit 100% Equity eigentlich ein sehr langweiliges Investment sein (Die Senior Bonds brauchen sich wohl kaum Sorgen machen müssen). Mit dieser Kapitalstruktur ist die Kabel-Aktie eher in der Risikoklasse 5 anzusiedeln (Also Achtung, wenn ihr Bankberater nur etwas über das Geschäft von Kabel erzählt, aber die restlichen Risiken im Verkaufsprospekt nur überfliegt wie immer).
- Bewertungskosten: Tatsächlich würde man in die Sphären der Exotischen Optionen abtauchen müssen, um die Kabel-Aktie “gewissenhaft” zu bewerten (Meine Meinung), weil quasi die Insolvenz-Barrier ziemlich nah rückt (d.h. dort versagen simple Modelle, z.B. WACC, und zwar garantiert), dank der Mezz/PIKs (die widerum wie eine unsecured Nullkupon zu bewerten ist) die zwar als buchhalterisches Eigenkapital zählt, aber nur den Senior Bonds etwas nützt.
- Marktpreisrisiko: Hinzu kommt, dass Marktteilnehmer das alles ignorieren werden und die Aktie wie gewohnt mit Financial Ratios bewerten werden. Sollte aber kein Wunder-Schub im Gewinnwachstum eintreten, dann sinken die Gewinne pro Aktie automatisch (wegen der PIKs), was den Marktwert überpropertional sinken lassen kann (==> Hohe Downside-Semivarianz)
- Dividenden: Ich habe immer noch nix über die Dividendenpolitik der Aktie gehört. Aber ich gehe davon aus das Gewinne eher für Dividenden verwendet werden als für die Innenfinanzierung.
— Wenn Gewinne zum Aufbau des Eigenkapitals verwendet werden, dann erhöht das den Marktwert der PIKs, weil die Wahrscheinlichkeit steigt dass im möglichen PIK-Kreditereignisjahr-2014 die PIK getilgt wird (Zumindest steigt beim Moodys Rating für die PIKs die Recovery bzw sinkt das Exspected Loss). Davon haben aber Aktionäre garnichts, weil das Downside-Potential komplett im Marktwert der Aktie liegt, also immernoch -100% sein kann.
— Wenn Gewinne voll an die Aktie ausgezahlt wird, dann gehen Aktionäre wenigstens die Wette ein ob sich ihr Investment von 21 Euros bis 25 Euros MAL Shares bis zum kritischen Jahr 2014 amortisiert.
17. März 2010 at 23:50
Update:
Das liebe Kleingedruckte… Da lese ich nun auf http://de.reuters.com/article/companiesNews/idDEBEE6290BT20100310 dass die Term Loans eine Klausel haben, dass alle zu ihr nachrangigen Wertpapiere (was logischerweise auch auf die neuen Aktien zutrifft) erst dann Zinsen und Dividenden zahlen dürfen wenn das Outstanding des Term Loans getilgt wurde.
Kleiner Check (Prospekt der Senior Notes):
http://www.kabeldeutschland.com/fileadmin/redaktionselemente/investor_relations/dokumente/allgemein_2006/061004_Senior_Notes_SEC_-_Final_prospectus.pdf
Auf Seite 27 steht “…Covenants…We will issue the Exchange Notes and the Guarantee under the Indenture. The Indenture will limit, among other things, our ability to: … pay dividends or make other distributions; … impose restrictions on the ability of our subsidiaries to pay dividends or make other payments to us…”
Auf Seite 49 steht es ein bisschen konkreter:
“…KDVS may neither make an upstream loan nor pay a dividend except to the extent that it has positive net equity calculated on the basis of KDVS’ commercial balance sheet on the date of the proposed distribution…”
Autsch, “net equity”
+ 207 (Cuurrent Assets)
- 11 (Invetory)
- 505 (Current Liabilities)
= -309 Mio Net Equity
am 31.Dezember 2009 sind wohl ein kleines Indiz dafür, dass Kabel Deutschland noch ein bisschen weit weg vom Dividendentag ist…
… So wie es vernommen habe, habe eigentlich alle Wertpapiere die senior zu den neuen Aktien sind solche Klauseln. Soll heißen, es werden gegenfalls die Gewinne von Kabel automatisch zur Schuldtilgung umgeleitet… und irgendwann in ferner Zukunft …
Wenn ich mal die Hardcore Free Cash Flow Hypothese bemühen darf, ist der Innere Wert der Kabel Aktien 1 Eur – Das Nominal. Eigentlich ist die Kabel Aktie eine
- Knock-Out Call Option
- mit unbegrenzter Laufzeit
- (mit Variablen wie) das Net Equity als Underlying
- (und hier) bei Strike von 0.
18. März 2010 at 00:35
So jetzt habe ich es nochmal nachgerechnet. Für mein optimistisches Szenario (Niedrigzinswelt, keine Refinanzierungsprobleme, Alles Heiter Sonnenschein) bekomme ich anstatt
p = 27.67 Eur/Stk
nun das heraus
p = 24.81
WENN (!) wir annehmen, dass Kabel im Jahr 2010 sein Rechnungen begleicht (200 Mio), seine Steuern bezahlt (41 Mio), oder die Leistungen erbringt wofür Kabel schon bezahlt wurde (104 Mio).
Ach noch was! Ich habe mich etwas vertan!!! (Ups falsche %-Zahl eingestzt). Alle hier bisher kalkulierten Preise haben eine Risikoprämie von 10% (!). Bei einer Risikoprämie von 20% liegen wir bei:
p = 12.13 Eur/Stk
22. März 2010 at 10:40
[...] die Belastungen enorm. Nigecus hat sich ausführlich mit dieser Problematik auseinandergesetzt: Kabel Deutschland Börsengang (Warnung, die piken). Aufgrund des vorherigen Mehrheits-Eigentümers Providence hat man sich bei Kabel Deutschland [...]