3. Juni 2009
Ich möchte hier den Marktgläubigen unter den Politikern eine kleine Nachhilfe offerieren. Wenn Sie aber nicht zu den Inkompetenten gehören, wissen Sie das folgenden eh schon, und können woanders hin weiter surfen. Zu diesem Zweck ist immer wertvoll in Erinnerung zu rufen, was in den Wirtschaftswissenschaften unter Effizienz zu verstehen ist.
Exkurs: Effizienz
Erstens, Effizienz wird nicht in Geldeinheiten gemessen (nominell), sondern in Mengeneinheiten (real), also Stück, Anzahl, etc. Das ist keine Kleinigkeit, sondern mitunter eine der größten Missverständnisse, die aufgrund von Datenverfügbarkeit und Bequemlichkeit in der empirischen Forschung mit der Praxis vermischt wurde. Auch wenn Arrows, Debreu, Koopmans, Farrel, usw. ihre Gedanken mathematisch aufschrieben, heißt das nicht, dass sie und auch die Akademiker nach ihnen, Geldeinheiten meinten, wenn sie von Effizienz redeten. (Der gewillte Leser mag insbesondere nach Namen wie Charnes, Cooper und Rhodes, oder auch direkt die Begriffe “Data Envelopment Analysis” und “Stochastic Frontier Analysis” suchen.)
Zweitens, worauf bezieht sich die reale Effizienz (um es doppelt gemoppelt nochmal zu betonen)? Auf Organisationen, einer Ansammlung von Menschen, Maschinen, Produkte, Firmen, NGOs, Institutionen, oder auch ganze Staaten, wie z.B. die BRD. Das ist jetzt kein Witz, sondern raten Sie mal wie man ordentliche Ländervergleichstudien konzipieren kann. Die methodische Vorgehensweise zur Effizienzmessung ist grob immer dasselbe und divergiert je nach Untersuchungsobjekt, Systemgrenzen und Variablenselektion.
Drittens, warum sind die Variablen im ökonomischen Effizienzbegriff keine Geldeinheiten? Ganz einfach, Effizienz bezieht sich auf Wertschöpfung und nicht auf die Geldschöpfung. Warum sollte mit nicht zu unterschätzender Mühe versucht werden die unsichere (Einheits-)Inflationserwartung wieder aus rauszurechnen? Sie werden bei der nachträglichen Separierung von Wert- und Geldschöpfung immer vor dem methodischen Problem stehen implizit oder mit Absicht zu Gunsten einer Zielgruppe eine Verzerrung bzw. Verfälschung zu erzeugen. Wenn Sie den Unterschied zwischen Wert- und Geldschöpfung nicht verstehen, dann laufen Sie Gefahr der Geldillusion zu unterliegen. Wenn Sie Geldillusion als Wohlstandszuwachs propagieren, dann ist das Veräpplung. Ein schönes Beispiel für Veräppeln ist die US-Wirtschaft seit Mitte der 90er. Wohlstand in Geldeinheiten zu messen ist allenfalls eine Approximation unter Annahmen, aber kein Faktum.
Die nomielle Betrachtung über Geld als Recheneinheit und die Effizienz von Organisationen hängen wie Pech und Schwefel miteinander zusammen, weil wir in keiner Tauschwirtschaft leben, sondern die finanzielle Ressourcen in Geldeinheiten als Mechanismus zur Ressourcenallokation verwendet werden. Jedoch sind Profitabilität und Effizienz zwei strikt getrennt zu betrachtende Messungen. Tätowieren sie das meinetwegen auf ihre Handinnenflächen, damit Sie es nicht vergessen.
Der Irrglaube der Besitztumsdoktrien
Ok, das war jetzt wieder ein bisschen lang, aber es ist eine der Hauptbestandteile des Missverständnisses, dem vor allem marktgläubige Politiker aus gesetzt sind. Das Zerschießen der Pre-Voraufklärischen Doktrien einer “invisible hand” lasse ich hier mal weg.
Es gibt in der akademischen Spähre gibt es zwei konträhre Lehrmeinungen. Auf der einen Seite den Herrn Stiglitz, dass Privatisierungen genereller Blödsinn seien. Und andererseits, den Herrn Bhagwati, der Privatisierungen als Allheilmittel vertritt. Bhagwati hat im Hintergedanke, den ziemlich unfähigen indischen Verwaltungsapparat, der zwar auf einen tollen britische Gesetzes-Blueprint basiert, aber seit je her damit rumirrt, es umsetzen. Der Herr Stiglitz betrachtet das Ergebnis nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, z.B. die Privatisierung der bolivianischen Wasserversorgung. Und beide haben Recht, aber reden am Kern der Sache vorbei, und zwar die Effizienz von Organisationen. Beide glauben nämlich bzw. erwecken den Anschein, dass der reine Besitztum einen Einfluss auf die Effizienz der betreffenden Organisation habe. Und das ist eine Scheinkorrelation.
Ich bemühe jetzt mal eine Popper’sche Falsifikation, wenn ich das privatisiert britischen Eisenbahnnetz als ineffizienten Misthaufen feststelle, und jeder singapuranischen Verwaltungsorganisation austelle effizienter zu arbeiten als jeder x-beliebige Multi Nationalen Konzern. Ist die Effizienz einer Organisation wirklich davon abhängig, wer den Laden besitzt, oder welcher Rechtsform dieser unterliegt? Ist die Effizienz von Organisationen nicht vielmehr von den Motiven und Hidden Agendas von Top-Down Stakeholder als auch den Akteuren innerhalb einer betrachtenden Organisation abhängig?
Aber warum reitet keiner auf dieser Argumentationslinie herum, warum werden grobe Schubladen aufgezogen und falsche Stereotypen propagiert? Ganz einfach, weil Motive oder Hidden Agendas eine Absicht unterstellen die Effizienz einer Organisation zum eigenen Vorteil ausgebeutet zu haben, oder zumindestens als Statisten durch eigenes Wegsehen oder auch Inkompetenz trotzdem persönlich profitiert zu haben. Dass Begriffe wie Verantwortung lediglich ein Traum, Wunsch, Idealbild, Fiktion, PR-Image, Lippenbekenntnis, etc. von Menschen darstellt, ist der Umkehrschluss dass tatsächlich nur “die Dummen” gewillt sind verantwortlich im Sinne persönlicher Risiken zu sein, sodass aus einem Singular ein stereotypisches Plural wird. Darum entstand auch die Entwicklung in der BRD, dass Parteien (plural) zur Wahl stehen, aber faktisch keine Einzelpersonen (singular). Aus Parteien wird schnell “die Politik”, die als großer Teppich ausreichend Platz für Leute findet ohne wirkliche persönliche Risiken alle ihre Hidden Agendas immer und immer wieder durchzuziehen, oder zumindestens davon persönlich zu profitieren. In anderen Worten, es ist peinlich für die Akteure die Ursachen zu finden, sodass es auch für Kritiker angenehmer ist, das populistische Gut-Böse-Theater zu spielen.
Die staatliche Ineffizienz in Geldeinheiten
Ich habe halbwegs ausführlich dargelegt, dass Profitabilität und Effizienz nicht dasselbe ist. Dies sollte darauf vorbereiten auf die Richtung einer Kausalität: Eine profitable Firma, muss nicht effizient sein. Aber die organisatorische ineffiziente Firma kann zur Insolvenz führen. Desweiteren kommt in Falle von Staaten der Umstand hinzu, dass es sehr sinnfrei ist von Profitabilität zu sprechen, was nichts daran ändert, dass Staatshaushalte in Geldeinheiten rechnen. Das ist witzige bei Staatshaushalten ist, dass sie ihre Einnahmen selbst festlegen können durch Steuer, Abgaben, den Verkauf sonstiger Rechte, oder auch dem “Tafelsilber”.
Häufiger Gegenstand von politischen Debatten in der BRD sind Transferzahlungen, wie Renten, Hartz4, Gesundheitszuschüsse, etc. Es wird der Anschein erweckt, dass lediglich die Höhe von Steuertarifen, neuer Steuerklassen und Abgaben mit der Höhe diverser Transferzahlungen abgewägt werden müsste und alles sei wunderbar. Dem Anschein nach erfolgt Umverteilung komplett “reibungsfrei”, als ob ein Bandarbeiter direkt seine Steuern und Abgaben direkt seinen arbeitslosen Nachbarn in die Hand drücken würde, usw. Nein, das Umverteilen erledigen die Millionen von Beamten und Angestellten in ihren Arbeitsagenturen, Krankenkassen, Rentenkassen, usw usw usw., also die o.g. Statisten. Das hört sich gemein an, weil denen auch nicht wirklich kar ist (unter der Annahme der Inkompetenz), oder auch nicht (Weggucken), dass von denjenigen mit der Hidden Agenda gekauft wurden, und zwar auf Lebenszeit. Wenn Gegenstand die Effizienz des Staates adressiert wird, dann sind die Untersuchungsobjekte die Verwaltungsorganisationen. Aber bis auf das eine oder populistische Murren in der Boulevard-ZEITUNG erscheint es mir so, als ob jeder Versuch hier Klarheit durch Effizienzmessung zu schaffen auf taube Ohren stösst. Diese Taktik “der Politik” ist schlau, weil ohne Beweis keine Konsequenzen für die gekauften Partei-Untertanen in ihrem bequemen Verwaltungsbüros – Dezentes Klatschen ist garantiert. Da reicht es doch tatsächlich Punchingball aus in medial wirksamen Diätendebatten über Peanuts zu reden, um die gemeinen Wähler abzulenken.
Aber woher kommen jetzt die vielen Staatsschulden? Was hat bitteschön die Effizienz der öffentlichen Verwaltung damit zu tun, wie sehr die Bundespolitiker ihre Haushalte überschulden? Es gibt lediglich zwei grobe Möglichkeiten die Effizienz einer Organisation zu erhöhen: Erstens, sie verringern die Inputs bei konstanten Outputs, oder zweitens, sie erhöhen die Outputs bei konstanten Inputs. So nun stehen die ganzen Beamten und Angestellten auf der Gehaltsliste des Staates als Inputs, in Köpfen die auch bezahlt werden wollen, und hegen selbstverständlich die Erwartung, dass das so bleibt für den Rest ihrer Arbeitskarriere. Nun kommt das Problem, dass über die Zeit auch diese Menschen schlauer, erfahrender, und ab und zu in ihrer Arbeitsorganisation schneller werden. Huch, auf einmal nimmt hier und da das Däumchendrehen zu, aber es gibt nicht mehr zu tun!!! Die zu leistenden Outputs haben nicht im gleichen Maße zu genommen!!! Das gelte es zu ändern, da ansonsten die Daseinsberechtigung einer gewissen Anzahl von Inputs schwierig zu rechtfertigen ist bzw. wird. Dies kann zu existentiellen Ängsten bei den Statisten führen. Dies spricht sich rum “unter dem Teppich” namens “Politik”, und es wäre nur zu schlecht wenn “Parteigenossen” im Form angestellter Statisten kalte Füße bekommen. Dies ist sogar ein gemeinsames Problem der dominierenden Parteien, sodass ein implizierter Konsens herrscht, sich neue Ouputs auszudenken. Auch wenn das keinen Sinn machen sollte, oder gar eine Notwenigkeit bestünde – Denn das wird der Masse einfach solange eingredet bis genügend Leute es glauben.
Eine solche Tendenz führt unweigerlich zu Bhagwati, mit seiner Kritik korrupter, intransparanter, großer Verwaltungen, die weder durchsetzungsfähig sind noch einen wirklichen öffentlichen Zweck erfüllen. Hinzu kommt, dass das was ein Staat an Einnahmen umverteilen kann sich mindert, weil der nominelle Anteil nicht notwendiger Verwaltungstätigkeiten zunimmt (Inputs bleiben zwar konstant, aber der nominelle Geldbedarf in Form von Tarifverhandlungen dafür steigt, weil zumindest der Versuch unternommen wird Staatsschulden weg-zu-inflationieren; Das ist eine andere Geschichte), was durch mediale Gehirnwäsche nicht in den Wahrnehmungsbereich der steuer- und abgabenpflichtigen Transferempfänger rückt, sodass diese widerum fordern die irgenwie Transferleistungen zu erhöhen sind, weil ihnen ein abstraktes schleichendes Gefühl der Ungerechtigkeit aufkommt (Was witzigerweise die PR-Künstler der “Politik” wieder instrumentalisieren können). Diese Rechnung kann nicht in Geldeinheiten aufgehen, sodass die Neuverschuldung ein angenehmer Trick ist, die eigennützige Abzweigung von Cashflows durch den representativen Agenten gegenüber den representative Principale wenigstens temporär zu vertuschen. Und weil es noch nicht genug ist kommen nun auch noch die Zinsforderungen gegenüber dem Staat hinzu. Kann sich der Principale dagegen wehren? Nein, nicht in der Ausgestaltung einer Demokratie in Form dieser Parteiendemokratie…
Cashflows außerhalb von Steuern und Abgaben
Mensch tut mir echt Leid, wenn Sie bis hier gelesen haben, dass ich zuvor einen so dermaßen großen Abschweif hingelegt habe. Nun komme ich zum “Tafelsilber”, der Privatisierung, den Debt-for-Equity Swaps.
Nehmen wir mal an Sie sind ein Kaufmann und haben einen Kumpel mit ganz vielen Staatsobligationen irgendeines Staates. Sie als Kaufmann reisen gerne herum und sehen dass im betreffenden Staat ein monopolistisches Staatsunternehmen agiert. Nun kommen Sie wieder und ihr Kumpel berichtet Ihnen dass dieser Staat ein bisschen rumzickt die Kupons zu zahlen, oder irgendwie beim Auslaufen der Anleihen nur einen niedrigeren Kupon zu zahlen, oder der Wechselkurs sich so blöd entwickelt hat, dass er die Staatsobligationen nicht mehr haben will. Hier kommt der zweite Kumpel ins Spiel der beim International Monetary Fund (IMF) arbeitet, und sich gerade mit den Problemen dieses Staats auseinandersetzt. Der ist total happy, weil mit den Staatsobligationen, dem Kaufmann, und seinem Einfluss auf die Staatsführung, ein Debt-for-Equity-Swap durchgeführt werden kann, und er sich keinen geopolitischen Kauderwelsch von seinen Chef mehr anhören muss. Das ist das Geschäftsmodell des American Colossus, auch USA genannt. Ganz simpel, der IMF-Kumpel schlägt einen günstigen Kaufpreis für den Staatsmonopolisten raus, der Kaufmann besorgt sich einen Kredit, um seinen Kumpel die Staatsobligationen abzukaufen, und das wird dann so glattgestellt, dass IMF, der Kaufmann und sein Kumpel mit einem Plus rausgehen. Alle sind Gewinner, und der betreffende Staat hat lediglich seine Besitzansprüche an ein paar physischen Assets verloren. Das ist eine saubere Privatisierung nach dem “American Way”…
Gegenüber seinen “transatlantischen Partner” im “alten Europa” reden USA natürlich nicht von “Debt-for-Equity Swaps”. Und naatürlich auch wenn so ein europäischer Staat wie die BRD, seine Schulden durch den Verkauf von Assets tilgt, odere einfach nur so die Neuverschuldung etwas verschleiern möchte, dann heißt das “Tafelsilber verkaufen”. Das hört sich zwar sehr medienwirksam an, aber man rennt nicht gleich das Haus mit der Tür ein, wie beim Bäh-Bäh-Begriff wie “Debt-for-Equity Swap”. Die BRD ist ja auch nicht so ein “rückständiges Entwicklungsland” Bla Bla Bla. Das Schöne in der BRD ist ja auch, dass “die Politik” das “Tafelsilber verkaufen”, super gut rechtfertigen kann, weil – Sie ahnen es bereits – generell alles was der Staat macht, hoffungslos ineffizient sei.
Hier kommen die Marktgläubigen unter den Politikern ins Spiel. Der Vorteil für “die Politik” ist, dass wieder schnelles Geld in den Staatshaushalt fließt, was die Ineffizienz der öffentlichen Verwaltung übertüncht, und gleichzeitig erlaubt kurzfristig das Murren der Transferempfänger abzustellen. Das freut die anderen Parteien, weil sie nun wieder Weihnachtsmanndebatten für die potentiellen Transferempfänger in den Medien führen können, und insbesondere die vermeidlich “linken”, die zusätzlich die Privatisierung als kapitalistische Schlechtigkeit hinstellen können. Die “Marktgläubigen” können sich dann wieder darüber freuen von den nutznießenden Kaufmännern zu irgendwelche Veranstaltungen eingeladen zu werden. Kurz, es gewinnen alle in “der Politik”, aber nicht der representative Principale…