24. Juni 2009
Ich habe heute morgen ein bisschen auf dem Statistical Data Warehouse der European Central Bank herumgestöbert, und mal zwei Diagramme kopiert. Da es sich um Jahresdaten handelt, sind nachfolgende Zahlenzauberereien mit Vorsicht zu genießen. Und nebenbei unterstelle ich hier mal dass mindestens 1 Zeitreihe nicht stochastisch ist – Raten Sie mal welche?
Das obere Diagramm enthält die Wirtschaftsleistung in Millionen Euros (10^6), also nominelles BIP! In der unteren Grafik sind die Schulden sind in Millarden Euros angeben (10^9).
Wenn ich mir mal das Schuldendiagramm angucken, muss ich feststellen, … ohh ist mir das peinlich … dass eine zuvor hier im Blog genannte Aussage zurücknehmen muss, wo ich behauptete, dass die BRD einmal in ihrer Geschichte Schulden getilgt hätte – Das ist falsch! Die BRD hat bisher noch NIE Schulden getilgt. Aber mit einer Neuverschuldung von gerade mal 6 bis 7 Mrd in 2000 war die BRD schon ziemlich nah dran.

Germany - Gross domestic product at market price - Current prices - ECU/euro - No adjustment

FR. Germany - General government consolidated gross debt :- Excessive deficit procedure (based on ESA 1995) - Mrd ECU/EUR - AMECO data class: Data at current prices
Eine andere Sache müsste eigentlich jedem Betrachter auffallen: Die beiden Kurven sehen ziemlich ähnlich aus! Also wenn ich die Logarithmierten der Differenzen je Zeitreihe ausrechne, und die Korrelation beider ermitteln, kommt rho=0.7528 herraus. Aber wie gesagt es sind nur 17 Datenpunkte hier.
Ok, wenn ich jetzt schon mies herumrechnen, dann kommt noch ein bisschen Kointegration a la Engle/Granger, 1987, aber ohne stationär und seriös, sondern nur mit 18 Datenpunkte von 1991 bis 2008, und nur mit OLS.

Für Alpha kommt -1.0624e+006 herraus was hin kommt. Für das Beta kommt 1.1152 herraus!!! Oh ho ho, das ist ganz nah bei 1. Nun schauen wir uns mal
an, was ja eigentlich stochastisch sein sollte (wenn genug Datenpunkte da wären). Schön,
schwankt schonmal um die 0, was so ein Hinweis ist, dass die Trends in
und
sich wohl gegenseitig herrausgekürzt haben. Von den großen
-Werten darf man sich nicht abschrecken lassen, weil die immer noch wesentlich kleiner als das Alpha Niveau sind: Der Unterschied zwischen 10^4 vs 10^06 passt schon. Wenn im Diagramm z_t in minus geht, dann war der (positive) Trend des nom. BIP positiver als der Schuldenstand, z.B. vor der Rezession 1994, vor dem Platzen der DotCom-Blase, oder auch vor unserer aktuellen Rezession. Wenn z_t im positiven Bereich geht, dann war der (positive) Trend im Schuldstand positiver als der des nom. BIP, z.B. die Aufschwungphasen ab 1996, und ab 2003.

z_t
Aber was ist denn nun daran so schlimm? Erstens, eine starke positive Korrelation der Änderungsraten, wie phi=+3/4, heißt eigentlich nur, dass jedes mal wenn die nominelle Wirtschaftsleistung wuchs (inkl. Inflation, Geldschöpfung, & Co.) auch die Staatsschulden wuchsen. Zweitens, dem Ökonometriker wird aufgefallen sein, dass z_t eine Autokorrelation, im Intervall von Jahren, drin hat. Ergo nix mit stationär. Dieses Mean Reversion sind natürlich die Konjunkturzyklen, was denn sonst! Wenn die beiden Zeitreihen (gepfuscht mit Mean Reversion) kointegriert sind und dann auch noch so ein Beta von fast perfekten 1 rauskommt, dann ist so ein Bla Bla “…wir bauen unsere Schulden in guten Zeiten wieder ab, wenn wir uns in schlechten Zeiten verschulden…” einfach nur Bla Bla, aber nicht die Wirklichkeit.
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Update:
Noch ein kleiner Nachschlag zu dem Mean Reversion bzw. der Konjunkturzyklus-Hypothese. Wenn es nach dem z_t Residuum ginge, gab es 1996 bis 2000, und 2003 bis 2006 Aufschwungphasen. Beachtlich ist aber dass bereits 98/99 und 2005, quasi ein bis zwei Jährchen vor dem öffentlichen wahrgenommenen und auch offiziellen Beginn des Abschwung, der Schuldenstand-Trend den nom.BIP-Trend einholt! Im Grunde genommen ist, inbesondere in der Politik geführte Haushaltsdebatten a la “…die NEUverschuldung ist gesunken, darum lasst uns wieder MEHR NEUverschulden…” (Stichwort: Sozialromatik, Parteien-PR), die unter anderem mit “…die Lebenshaltungskosten des kleinen Mannes sind doch soo stark gestiegen…” (Stichwort: Demand > Supply) begründet werden, ein ziemlich guter (weicher) Leading Indikator für Rezessionen. Aber bitte hier nichts durcheinander konstruieren! Die Reaktion der Politik auf steigende Preisniveaus aufgrund eines “Demand>Supply” sind eine Folge eines Aufschwungs, aber nicht zweingend die Ursache eines Abschwungs.
Ich möchte hier garnicht, die Parteien und ihre spezifischen Interessen/Programmen zerpflücken, aber der Denkfehler liegt im Wort NEUverschuldung – Ein Sinken der Neuverschuldung ist nicht (ISNOT) dasselbe wie Schuldtilgung, wie es beispielsweise das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StabG) seit 1967/1975 im eigentlichen Sinne impliziert. Wenn sich aber diese zyklische Inkonsistenz in der Haushaltspolitik fortsetzt, bleibe ich dabei, dass dieser Wankelmut der Politik ein tauglicher weicher Rezessionsindikator bleibt.
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Update2:
Ich habe natürlich die Datenpunkte von einschließlich 1991 bis 2008 benutzt.
Interessant ist natürlich dass der Schuldenstand für 2009 bei 1752,659 Mrd. schon liegt, im Gegensatz zu 1641,844 Mrd in 2008. Das sind schonmal rund 100 Mrd und ein paar Zerquetschte mehr wie vorher. In der Angabe für 2010 in Höhe von 1895,415 Mrd. sind höchstwahrscheinlich (weiß ich jetzt nicht so genau) noch mal 160 Mrd drin, dessen Emissionserlöse die BRD “irgendwen” bereits fest zu gesagt hat, also das was die Bundesbank/EZB irgendwenn noch verkaufen muss im Laufe von 2009/2010. Meine Güte das ist echt noch eine Menge Holz, was noch unter die Leute gebracht werden muss.