Ist schon ein bisschen älter. Hans-Werner Sinn: Exportweltmeister – eine zweifelhafte Ehre. Natürlich ist der “Ordnungspolitischer Blog” etwas “marktradikaler” eingestellt, aber die Problemanalyse vom Gastschreiber Hans-Werner Sinn ist schon Ok.

- USA importierten Güter, und bezahlten mit ABS-Strukturen
- BRD exportiert Güter und steckten ihr Geld in ABS-Strukturen

Das ist ein ganz tolles Geschäftsmodell. Die USA konsumieren auf Pump, die BRD liefert die Güter und leiht das Geld den Amis das Geld für den Konsum. Die BRD-Politiker freuen sich, weil die Wirtschaft mehr Leistung erstellt als die Wirtschaft selber braucht. Man kann auch einfach sagen, dass die USA das Empire ist, und die BRD eine Kolonie.

Das Problem ist, dass wenn man produziert sich Effizienzsteigerungen einstellen: Mehr Output, Weniger Input. Und der Input sind bspw. Arbeitsstunden für Menschen. Wenn dann noch alle Ersparnisse (z.B. “Joe Sixpack, Sie müssen ihr Portfolio global diversifizieren…) und Devisenüberschüsse von Firmen (Siehe Landesbanken, etc.) letzlich in Investitionsprojekte irgendwo aber nicht in der BRD getätigt werden, dann werden auch keine neuen zusätzlichen Arbeitsstunden für die “überflüssigen Arbeitskräfte” im Inland generiert. Da helfen dann auch keine martktradikaalen Volldeppen mit “Jeder der Arbeit sucht findet auch welche” (was aus dem Big View ein Unmöglichkeitstheorem ist), sondern tatsächlich wie Herr Sinn sagt: Standortpolitik, damit in der BRD investiert wird … und nicht in NINJA-Kredite… Und wenn sowas Früchte tragen sollte, dann können meinetwegen marktradikale Theologen hinstellen und über Arbeitslosen herziehen wie sie wollen.

* Beachte, dass Hans-Werner Sinn ein “Jünger” der angebotsorientierten Volkswirtschafttslehre ist, und somit notorisch immer raushängen lässt, dass nachfrageorientierte Politiken immer schlecht, Blödsinn, Schwachsinn seien. Ein nachfrageorientierter Ökonomie, z.B. Bofiinger, würde das gleiche tun nur umgekehrt (Ganz witzig wenn angebots- und nachfrageorientierte VWLer in einer Talkshow sitzen ;) ). Sowelche nebensächlichen rhethorischen Stilmittel muss man dann einfach überlesen.

Ich habe heute morgen ein bisschen auf dem Statistical Data Warehouse der European Central Bank herumgestöbert, und mal zwei Diagramme kopiert. Da es sich um Jahresdaten handelt, sind nachfolgende Zahlenzauberereien mit Vorsicht zu genießen. Und nebenbei unterstelle ich hier mal dass mindestens 1 Zeitreihe nicht stochastisch ist – Raten Sie mal welche?

Das obere Diagramm enthält die Wirtschaftsleistung in Millionen Euros (10^6), also nominelles BIP! In der unteren Grafik sind die Schulden sind in Millarden Euros angeben (10^9).

Wenn ich mir mal das Schuldendiagramm angucken, muss ich feststellen, … ohh ist mir das peinlich … dass eine zuvor hier im Blog genannte Aussage zurücknehmen muss, wo ich behauptete, dass die BRD einmal in ihrer Geschichte Schulden getilgt hätte – Das ist falsch! Die BRD hat bisher noch NIE Schulden getilgt. Aber mit einer Neuverschuldung von gerade mal 6 bis 7 Mrd in 2000 war die BRD schon ziemlich nah dran.

Germany - Gross domestic product at market price - Current prices - ECU/euro - No adjustment

Germany - Gross domestic product at market price - Current prices - ECU/euro - No adjustment

FR. Germany - General government consolidated gross debt :- Excessive deficit procedure (based on ESA 1995) - Mrd ECU/EUR - AMECO data class: Data at current prices

FR. Germany - General government consolidated gross debt :- Excessive deficit procedure (based on ESA 1995) - Mrd ECU/EUR - AMECO data class: Data at current prices

Eine andere Sache müsste eigentlich jedem Betrachter auffallen: Die beiden Kurven sehen ziemlich ähnlich aus! Also wenn ich die Logarithmierten der Differenzen je Zeitreihe ausrechne, und die Korrelation beider ermitteln, kommt rho=0.7528 herraus. Aber wie gesagt es sind nur 17 Datenpunkte hier.

Ok, wenn ich jetzt schon mies herumrechnen, dann kommt noch ein bisschen Kointegration a la Engle/Granger, 1987, aber ohne stationär und seriös, sondern nur mit 18 Datenpunkte von 1991 bis 2008, und nur mit OLS.

z_t = \log(debt_t) - \alpha - \beta \cdot \log(gdp_t)

Für Alpha kommt -1.0624e+006 herraus was hin kommt. Für das Beta kommt 1.1152 herraus!!! Oh ho ho, das ist ganz nah bei 1. Nun schauen wir uns mal z_t an, was ja eigentlich stochastisch sein sollte (wenn genug Datenpunkte da wären). Schön, z_t schwankt schonmal um die 0, was so ein Hinweis ist, dass die Trends in log(debt_t) und log(gdp_t) sich wohl gegenseitig herrausgekürzt haben. Von den großen z_t-Werten darf man sich nicht abschrecken lassen, weil die immer noch wesentlich kleiner als das Alpha Niveau sind: Der Unterschied zwischen 10^4 vs 10^06 passt schon. Wenn im Diagramm z_t in minus geht, dann war der (positive) Trend des nom. BIP positiver als der Schuldenstand, z.B. vor der Rezession 1994, vor dem Platzen der DotCom-Blase, oder auch vor unserer aktuellen Rezession. Wenn z_t im positiven Bereich geht, dann war der (positive) Trend im Schuldstand positiver als der des nom. BIP, z.B. die Aufschwungphasen ab 1996, und ab 2003.

z_t

z_t

Aber was ist denn nun daran so schlimm? Erstens, eine starke positive Korrelation der Änderungsraten, wie phi=+3/4, heißt eigentlich nur, dass jedes mal wenn die nominelle Wirtschaftsleistung wuchs (inkl. Inflation, Geldschöpfung, & Co.) auch die Staatsschulden wuchsen. Zweitens, dem Ökonometriker wird aufgefallen sein, dass z_t eine Autokorrelation, im Intervall von Jahren, drin hat. Ergo nix mit stationär. Dieses Mean Reversion sind natürlich die Konjunkturzyklen, was denn sonst! Wenn die beiden Zeitreihen (gepfuscht mit Mean Reversion) kointegriert sind und dann auch noch so ein Beta von fast perfekten 1 rauskommt, dann ist so ein Bla Bla “…wir bauen unsere Schulden in guten Zeiten wieder ab, wenn wir uns in schlechten Zeiten verschulden…” einfach nur Bla Bla, aber nicht die Wirklichkeit.

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Update:
Noch ein kleiner Nachschlag zu dem Mean Reversion bzw. der Konjunkturzyklus-Hypothese. Wenn es nach dem z_t Residuum ginge, gab es 1996 bis 2000, und 2003 bis 2006 Aufschwungphasen. Beachtlich ist aber dass bereits 98/99 und 2005, quasi ein bis zwei Jährchen vor dem öffentlichen wahrgenommenen und auch offiziellen Beginn des Abschwung, der Schuldenstand-Trend den nom.BIP-Trend einholt! Im Grunde genommen ist, inbesondere in der Politik geführte Haushaltsdebatten a la “…die NEUverschuldung ist gesunken, darum lasst uns wieder MEHR NEUverschulden…” (Stichwort: Sozialromatik, Parteien-PR), die unter anderem mit “…die Lebenshaltungskosten des kleinen Mannes sind doch soo stark gestiegen…” (Stichwort: Demand > Supply) begründet werden, ein ziemlich guter (weicher) Leading Indikator für Rezessionen. Aber bitte hier nichts durcheinander konstruieren! Die Reaktion der Politik auf steigende Preisniveaus aufgrund eines “Demand>Supply” sind eine Folge eines Aufschwungs, aber nicht zweingend die Ursache eines Abschwungs.
Ich möchte hier garnicht, die Parteien und ihre spezifischen Interessen/Programmen zerpflücken, aber der Denkfehler liegt im Wort NEUverschuldung – Ein Sinken der Neuverschuldung ist nicht (ISNOT) dasselbe wie Schuldtilgung, wie es beispielsweise das Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StabG) seit 1967/1975 im eigentlichen Sinne impliziert. Wenn sich aber diese zyklische Inkonsistenz in der Haushaltspolitik fortsetzt, bleibe ich dabei, dass dieser Wankelmut der Politik ein tauglicher weicher Rezessionsindikator bleibt.

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Update2:
Ich habe natürlich die Datenpunkte von einschließlich 1991 bis 2008 benutzt.

Interessant ist natürlich dass der Schuldenstand für 2009 bei 1752,659 Mrd. schon liegt, im Gegensatz zu 1641,844 Mrd in 2008. Das sind schonmal rund 100 Mrd und ein paar Zerquetschte mehr wie vorher. In der Angabe für 2010 in Höhe von 1895,415 Mrd. sind höchstwahrscheinlich (weiß ich jetzt nicht so genau) noch mal 160 Mrd drin, dessen Emissionserlöse die BRD “irgendwen” bereits fest zu gesagt hat, also das was die Bundesbank/EZB irgendwenn noch verkaufen muss im Laufe von 2009/2010. Meine Güte das ist echt noch eine Menge Holz, was noch unter die Leute gebracht werden muss.

Die FAZ schreibt in ihrer Serie über die “Die Zukunft des Kapitalismus – Die nächste Blase schwillt schon an” über die Machtlosigkeit der Zentralbanken und ihrem Leitzins. Der FAZ-Autor Gunnar Heinsohn (Sozialwissenschaftler an der Universität Bremen) erklärt ziemlich einleuchtend über den Unterschied zwischen Geschäftsbanken und Unternehmen (Nichtbanken), und warum letztere sich weniger um den Zins als um ihren Eigentumsanspruch sorgen:

Unternehmen verschulden sich mithin also zur Verteidigung ihres Eigentums und nicht wegen eines geringen Zinses, wie dies in Ökonomenkreisen noch immer geglaubt wird. Und schon gar nicht verschulden sie sich ein weiteres Mal, nur weil irgendwo die Zinsen gesenkt wurden. Wenn das Unternehmen einen Wert von beispielsweise einer Milliarde hat und 100 Millionen für die Aufrechterhaltung dieses Werts investieren muss, dann hält ein jährlicher Zins von – sagen wir – 5 statt 3 Millionen die Verschuldung nicht auf. Die 2 Millionen mehr an Zins sind zwar ärgerlich, bleiben aber im Verhältnis zur verteidigten Milliarde von untergeordneter Bedeutung.

Der Autor teilt auch meine Meinung, dass Investitionen vor allem durch technologische Erneuerungen getriggert werden, und vielmehr zum Überlebenskriterium werden.

Bereits jede gewöhnliche „Standardkrise“ gefährdet Firmen. Wer nicht investiert, reduziert den Wert seines Eigentums und beeinträchtigt dadurch seine Kreditfähigkeit; zehn Fabriken zur Herstellung von mechanischen Schreibmaschinen fallen nach Erfindung des Schreibcomputers im Preis auf null, wenn sie nicht umgehend nachziehen. Und das müssen sie alle, obwohl sie natürlich ganz klar sehen, dass es dadurch zu Überkapazitäten kommen wird: Sie haben also nur die Wahl, durch Nichtstun sofort von der Bildfläche zu verschwinden oder durch rechtzeitige Investitionen vielleicht zu den verbliebenen acht von ursprünglich zehn Firmen zu gehören, die ihre neuen Waren am Markt auch verkaufen können, dadurch wirtschaftlich überleben und durch Tilgung ihrer Bankschulden ihr verpfändetes Eigentum wieder auslösen können [...]

Natürlich frage ich mich: Muss eine Firma erst abwarten bis eine technologische Erneuerung über sie hineinfällt? Besteht die Möglichkeit proaktiv sich mit potentiellen technologischen Erneuerung zu beschäftigen? Sicherlich ja, und es betet wahrscheinlich auch jeder Innovations-/Technologiemanager in ihren Firmen vor. Ich habe mir gedacht, dass dieser FAZ-Artikel ein guter Einstieg für dieses Blog ist. Technologische Erneuerung bzw. technologischer Fortschritt ein ziemliche große Keule für die Volkswirtschaft. Mit neuen Technologien werden Branchenstrukturen neu gestaltet mit allen ihren Folgen für Abstieg alter Firmen und den Aufstieg Neuer. Das gemeine daran ist, dass eine Top-Down Zentralplanung wie es gerade aus Sicht von großen Institutionen der Politik präferiert wird, kaum Einfluss darauf hat ob gerade in ihrem Herrschaftsgebiet irgendwelche pfiffigen Leute sich proaktiv mit einer möglich neuen Technologie beschäftigen, oder sie gar erfinden, oder mit ausreichender Vorstellungskraft gesegnet sind sich auf Basis einer neuen Technologie viele schöne neuen Produkte auszudenken, die dann irgendwer produzieren, verkaufen, usw. wird … Das einzige was Top-Down Zentralplanern ist zu streuen, das Gesetz der großen Zahlen, und zwar in Köpfen spielen – Mehr geht nicht. Neue Sachen, Produkte, usw werden von Menschen erfunden – Geld alleine kann nicht denken.

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